6 Jahre Volksschule? Bildung braucht Offenheit und Mut statt Denkverbote.

KO-Stv.in Gemeinderätin Mag.a Christine Oppitz-Plörer

Ein Kommentar von Christine Oppitz-Plörer

Kinder entwickeln sich unterschiedlich. Das ist keine neue Erkenntnis, aber eine, die wir in unserem Bildungssystem noch immer viel zu wenig berücksichtigen. Gerade zwischen dem zehnten und zwölften Lebensjahr machen Kinder enorme Entwicklungsschritte – und zwar keineswegs alle zur gleichen Zeit. Und Buben und Mädchen nochmals unterschiedlich. Manche sind mit zehn Jahren bereits sehr selbstständig, andere brauchen noch Zeit, um ihre Fähigkeiten, Interessen und Stärken zu entdecken. Warum also müssen wir und die Kinder ausgerechnet in diesem Alter eine so weitreichende Entscheidung über ihren weiteren Bildungsweg treffen?

Der bildungspolitische Ansatz einer sechsjährigen Volksschule liegt mir deshalb seit vielen Jahren besonders am Herzen. Zwei zusätzliche Jahre gemeinsamen Lernens und sozialer Entwicklung könnten Kindern mehr Zeit geben, sich zu entwickeln, ohne frühzeitig in unterschiedliche – möglicherweise nicht passende – Bildungswege aufgeteilt zu werden. Es geht nicht darum, Leistungsunterschiede zu ignorieren, sondern individuelle Begabungen besser zu fördern und Bildungsentscheidungen auf der Grundlage einer solideren persönlichen Entwicklung der jungen Menschen zu treffen.

Das Bundesministerium für Bildung eröffnet nun mit einem zugegeben sehr ambitionierten Schulversuch ab dem Schuljahr 2027/28 die Möglichkeit, neue Wege zu erproben. Deshalb habe ich im Innsbrucker Gemeinderat einen dringenden Antrag eingebracht, dass unsere Stadt ihr Interesse als Pilotstandort bekundet. Leider fand dieser Antrag nicht die notwendige Mehrheit für eine unmittelbare Behandlung. Dabei wäre mit einer Interessensbekundung noch lange keine Entscheidung über eine konkrete Umsetzung gefallen. Wir hätten lediglich die Bereitschaft signalisiert, uns mit einer interessanten bildungspolitischen Perspektive ernsthaft auseinanderzusetzen.

Wer etwas bewegen will, muss bereit sein, auch dicke Bretter zu bohren

Mir ist bewusst, dass mein Vorstoß nicht überall auf Begeisterung stößt. Natürlich würde ein solches Modell rechtliche, bauliche, organisatorische und pädagogische Herausforderungen mit sich bringen. Alles vermeintliche Gründe, warum man einen Vorschlag schnell ablehnen oder ein ambitioniertes Vorhaben gleich wieder aufgeben kann. Jedoch niemals ausreichend, wenn man unsere Gesellschaft weiterbringen will und Zukunftsvorstellungen hat.

Hätte ich in meiner politischen Laufbahn allerdings immer dann aufgegeben, wenn etwas schwierig wurde und sich Hürden aufgetan haben, gäbe es heute wohl kein Gymnasium in der Höttinger Au, für das ich mich gegen erhebliche Widerstände eingesetzt habe, obwohl die Stadt dafür eigentlich gar nicht zuständig war. Auch die Entstehung des Freizeittickets, dessen Geschichte wir erst kürzlich in unserem Newsletter aufgearbeitet haben, war alles andere als ein Spaziergang. Auch damals waren harte und vor allem dicke Bretter zu bohren und viele überzeugende Gespräche zu führen. Oder die Umbrüggler Alm, die inzwischen laufend im ORF als Aushängeschild und Ausgangspunkt für Berichte zu Innsbruck und Tirol dient. Heute würde wohl kaum jemand die Bedeutung und Richtigkeit des Gymnasiums „in der Au“, des Freizeittickets oder der Umbrüggler Alm infrage stellen.

In der Politik sollte der erste Reflex nicht immer die Ablehnung sein, nur weil etwas herausfordernd ist. Wer Veränderungen will, muss bereit sein, Widerstände zu überwinden, neue Wege zu gehen und gelegentlich auch gegen den Strom zu schwimmen.

Fortschritt passt nicht immer in ein Parteiprogramm

Mag sein, dass meine feste Überzeugung nicht in jedes Parteiprogramm passt. Aber wenn wir immer nur das tun würden, was ohnehin schon vorgesehen und einfach zu realisieren ist, hätte es wohl viele wichtige Fortschritte nie gegeben. Gerade in der Bildung darf es keine Denkverbote geben.

Wir wissen, dass die soziale Herkunft in Österreich nach wie vor einen erheblichen Einfluss auf Bildungschancen hat. Wir wissen auch, dass Kinder unterschiedlich schnell lernen und sich entwickeln. Warum sollten wir also nicht zumindest ausprobieren, ob längeres gemeinsames Lernen zu mehr Chancengerechtigkeit und einer besseren Förderung der individuellen Fähigkeiten beitragen kann?

Ein Schulversuch ist schließlich genau dafür da: Erfahrungen sammeln, Chancen und Schwierigkeiten erkennen und auf dieser Grundlage entscheiden, ob ein Modell Zukunft hat. Niemand verlangt, dass morgen alle Schulen umgestellt werden. Aber wir sollten offen genug sein, uns neue Möglichkeiten ernsthaft anzusehen. Bemerkenswert ist übrigens, dass die sechsjährige Volksschule keineswegs eine Idee nur eines politischen Lagers ist. Bereits 2007 sprach sich der damalige niederösterreichische ÖVP-Landeshauptmann Erwin Pröll dafür aus. Gute Ideen sollten nicht daran scheitern, von wem sie kommen.

Ich werde mich jedenfalls weiterhin mit voller Überzeugung für längeres
gemeinsames Lernen und eine sechsjährige Volksschule einsetzen.

Nicht, weil ich glaube, auf alle Fragen bereits die richtigen Antworten zu kennen, sondern weil unsere Kinder es verdienen, dass wir nach besseren Lösungen suchen und Leidenschaft für mutige Wege brauchen. Dass dabei nicht alle meiner Meinung sind, ist selbstverständlich – unterschiedliche Standpunkte gehören zu einer lebendigen Demokratie. Und das ist gut so.

KO-Stv.in GRin Mag.a Christine Oppitz-Plörer